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Literatur-Nobelpreis an J.-M.G. Le Clézio

Samstag, Oktober 11th, 2008

Vor ein paar Tagen wurde dem französischen Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio der Literatur-Nobelpreis zuerkannt.
Wie man liest, traf diese Wahl die deutschen Buchverlage, Kritiker und Leser einigermassen unvorbereitet. Es seien derzeit kaum oder sogar keine ins Deutsche übersetzen Titel von Le Clézio lieferbar, heißt es.

So blieb es zunächst der Nachhut der Speerspitze deutschsprachiger Literaturkritik, Sigrid Löffler, vorbehalten, sich ungeniert (”bizarre Wahl” bzw. “Monotonie und Langweiligkeit”) zur Wahl des Nobelpreis- Gremiums zu äußern (siehe Spiegel Online). Marcel Reich-Ranickis Kommentar (’…habe noch keines von Le Clézios Büchern gelesen’) enttäuscht zwar auch, ist aber immerhin aufrichtig - und durch die vorzügliche Geste, mit der er heute abend im ZDF den Ehrenpreis der Stifter des Deutschen Fernsehpreises ausgeschlagen hat, sogleich wieder gutgemacht ;)

Die Jury der Schwedischen Akademie bezeichnet den 67-jährigen Le Clezio hingegen als “Verfasser des Aufbruchs und des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase”, als “Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilsation”.

Glücklicherweise bin ich im Besitz einiger ins Deutsche übersetzter Bücher dieses wunderbaren Autors. Um das Werk Le Clezio’s ein wenig dem provinziellen Mief zu entreißen und dem interessierten Leser einen Eindruck von der Ausdruckskraft und sinnlichen Intensität seiner Sprache zu vermitteln, möchte ich an dieser Stelle eine Leseprobe, nämlich den Epilog aus einem frühen Meisterwerk, dem Roman “Terra amata”, vorstellen.

Das Original erschien erstmals 1967 in den Editions Gallimard in Paris, die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Rolf und Hedda Soellner 1970 im Piper Verlag. Den Text habe ich eingescannt und von einer Texterkennungssoftware auslesen lassen und schließlich überprüft. Etwaige Übertragungsfehler, die ich übersehen haben mag, bitte ich zu entschuldigen.

“Epilog

So. Das ist ungefähr alles, was ich sagen wollte. Sie werden nun, in ein paar Minuten, dieses Buch wieder schließen und sich anderem zuwenden. Mit einer gewissen Eile werden Sie die letzten Seiten durchlesen, die Sie vom Schluß trennen. An dieser Stelle geht der Roman zu Ende, in diesem Moment taucht in den Krimis brutal das Gesicht des Mörders aus dem Dunkel. Wenn es aus sein wird, werden Sie den Buchdeckel über die gestapelten Seiten klappen und das Buch auf den Tisch legen; oder es in eine Ecke des Bücherschranks zu anderen ähnlichen Büchern zurückstellen. Wenn Sie in der Eisenbahn sind, auf einem Schiff oder im Flugzeug, so werden Sie das Buch zusammen mit Zeitungen und Zeitschriften in eine Reisetasche stecken. Wenn Sie am Strand sind, werfen Sie es auf ihr Kleiderbündel und sehen es nicht mehr an. Sie tun das ganz einfach, als handelte es sich um eine Schachtel mit neugekauften Schuhen, und Sie werden sich nichts dabei denken. Das Buch wird ohne Sie weiterleben, genauso lange, wie Papier und Pappe halten. Die Druckbuchstaben werden nicht verblassen; sie werden dableiben, auf jedes der weißen Blätter geprägt, verschnörkelte und kindische Zeichen, kleine Zahlen, Ka­pitälchen; und sie werden ihr imaginäres Leben weiterleben, sich an die Welt klammern wie Kolonien von Seidenwürmern oder Muschelbänke.
In dem weiß-schwarzen Parallelepiped wird diese verschlossene, versteckte Welt existieren, dieses tyrannische Paradies der Sprache, das, was wenigstens einmal im Universum wahrhaft die Wahrheit gewesen sein dürfte. Diese isolierte Welt ist vielleicht abscheulich oder furchtbar. Notizen über ein paar Lebensstunden, ein paar Spasmen einer Zivilisation. Überall auf der Erde sind andere Bücher aufgeschlagen, dann geschlossen worden. Die Bewegung des in ihnen eingefangenen Lebens wird nicht über ihre Grenzen getreten sein. Das Denken, das Tun bleibt. Was verschwindet, ist dieses Band, das euch einen Augenblick lang vereint hat. Und ihr selber habt mit dem Umblättern der entscheidenden letzten Seiten willentlich dieses Abenteuer getötet. Homer ist tot, Dante, Dostojewski, Pirandello sind tot, und ihr selber habt sie jeweils aus dem Leben gestrichen. Sie mit jedemmal ein wenig tiefer in den ausweglo­sen Sumpf gestoßen, sie mit jedem Staubkorn unter euren bleiernen Sohlen zerstampft, zertreten. Sooft ihr gesagt habt, Gesetze, Glück, Raum, Jahr, Liebe, habt ihr das Messer ins Fleisch dieser Männer gestoßen. Sooft ihr euch bewegtet, sooft ihr eine Aspirintablette mit einem großen Glas kalten Wassers schlucktet, sooft ihr in einer Metzgerei ein Stück roten Fleisches kauftet, habt ihr der entthronten Welt etwas entrissen. Alle diese Romane, alle diese Gedichte, alle diese Filme und alle diese Bilder, die ihr gemacht habt, ohne euch etwas dabei zu denken, einfach indem ihr lebendig wart, haben nur dazu gedient, die anderen Werke auszuradieren, die das Fleisch und Blut jener Menschen waren.
Doch die Bücher sind nicht ewig. Ein Nichts, ein paar Flammen, ein wenig ungelöschter Kalk, der offene Rachen einer Mülltonne, oder auch nur das Vergessen genügen, und das Buch ist verschwunden. Die Lumpensammler gehen abends durch die Straßen und näseln ihren Singsang, der nach Papier schreit, nach immer mehr Papier. Hier stützt das Buch den wackeligen Fuß eines Schrankes, dort verstopft es eine zerbrochene Scheibe. Auf dem Klo der Wanzenhotels hängt es an einem Haken, und jeder, der hereinkommt, reißt ein paar Seiten voll wunderbaren Lebens heraus. Rächt euch, solange es noch Zeit ist. Lernt die Worte der anderen hassen, die Kultur und den geschliffenen Spiegel der Intelligenz, denn sonst gibt es keinen Frieden. Meine Augen liegen im Krieg mit den euren, meine Nieren und meine Knochen haben keine schlimmeren Feinde als diese fremden Körper, die ihnen ähnlich sind. Übt eure Muskeln: Lernt, mit nackten Händen die Bücher entzweizureißen, dann in drei, in vier und fünf Teile. Hört nicht auf, ehe der Boden übersät ist mit Konfetti, von denen jedes seinen verstümmelten Buchstaben trägt. Und streut die bunten Papierblättchen in alle Winde und seht zu wie der Roman umherwirbelnd zurückkehrt in die Materie, die er verraten hatte!
Ihr sitzt im schnell fahrenden Zug, und jeder Stoß, der unter den Eisenrädern widerklingt, reißt einen neuen Gedanken fort. In der heißen, stickigen Luft oder in dem Schnurren, das die Flugzeugkabine durchläuft, fliegt der Gedanke, und die Erde bewegt sich langsam unter der Last von Tausenden von Metern Entfernung: Das sind Wörter, Sätze, Ideen. Auf der staubiggrauen Straße in der Sonne schläft ein Hund mit offenem Maul vor dem Wald aus Menschenbeinen. Das ist das Gedicht. Das Regenwasser fällt ratternd auf die Dächer, die Scheibenwischer der Autos beugen und strecken sich ächzend. Das Gedicht krümmt sich durch zur Erde, das Gedicht mit dem bebenden Bauch. Die ausgehungerten Kinder heben ihre blutunterlaufenen Augen, stumpfe Edelsteine in den zu großen Zwergengesichtern. Das durchsichtige, unmittelbare Gedicht, das Gedicht, das tief ist wie der Wind, leicht wie das Licht, riesig wie die Pfütze schmutzigen Wassers. Oder die zahnlose alte Frau klammert sich an die Mauer und blickt verständnislos um sich. Der Soldat kniet sich in den Schlamm, und das Blut fließt langsam aus seinem Mund. Das ist noch immer das gleiche Gedicht, das nie geschrieben wurde, die Geschichte, die man ganz leise summt, die man auch träumt. Überall in meiner und eurer Umgebung lesen die Leute diese fremden und nahen Worte, schreiben sie mit ihren Gesten, prägen sie mit ihren Körpern und ihren Wünschen.
Gegen das wieder geschlossene oder fast geschlossene Buch brandet die Welt und verschleißt unaufhörlich. Was drinnen ist, zählt schließlich weniger, als was außerhalb ist. Was bedeutet schon ein Lesetag in einem Leben? Was ist eine geschriebene Zeile in dem ganzen endlosen Gekritzel, das die Welt bedeckt? Es gibt nicht ein Wort, eine Sonne, eine Kultur. Es gibt Millionen von Dingen, überall. Ist das Gedicht nicht dort, anderswo, in eurem Blick?
Was ihr gelesen habt, das habe nicht wirklich ich geschrieben. Wie kann man Zeuge sein? Ich bin nur ein Schauspieler, der nicht weiß, was er spielt. Was ich getan habe, das habe ich unwillkürlich getan, wie eine Mücke im zu heftigen Wind. Ich habe dies gesagt und jenes. Ich habe geschrieben Nadel, Tabak, Leidenschaften, leiden, Nylon, Korn. Ihr habt gelesen Reißverschluß, Kreisel, Schönheit, Frau, Zigarette, Wolke. Der gezielte Zufall ist im Vormarsch, und jedes Korn fällt in die Maschine und folgt einem Weg, der nur allein sein Weg ist. Aber ich habe genug gesprochen. Spielt ihr jetzt euer Spiel.”